Geschichte Berlins

Vor langer Zeit

Was vor dem 20. Jahrhundert geschehen ist, liegt für die meisten Berliner Anverwandten im Dunkeln. Nur wenige haben Erinnerungen an Jahre davor, und die Berichte schon ihrer Erzeuger beinhalten neben Gemeinsamkeiten auch unvereinbare Unterschiede.

Die einzige wirkliche Konstante der langen Geschichte der Stadt und ihrer nächtlichen Bewohner bildet unweigerlich der Kral. Kabalen und Individuen kommen und gehen, und schließlich verschwinden sie aus der Erinnerung der auf sie Folgenden. Doch die jährliche Hofhaltung des Fürsten Berlins muss in all den Jahrhunderten immer stattgefunden haben. Wie sonst könnte es die Stadt noch geben?

Einst hat dieser uralte Herrscher auf dem Thron gesessen, bevor er sich, der Natur der Vampire folgend, in den Schlaf der Starre begeben musste. Entgegen der Natur der Vampire erwacht er jedoch einmal im Jahr aus dem mystischen Torpor, um erneut über die Stadt zu herrschen. In dieser Nacht kommt die Domäne zusammen, um den Fürsten mit einem Opfer zu ehren und ihm zu versichern, dass in seiner Stadt alles geordneter Wege geht. Nur wenn dies gelingt, legt er sich für die restliche Zeit des Jahres wieder schlafen. Um dieses Ereignis, das jedes Jahr im Herbst stattfindet, hat sich eine feste Zeremonie entwickelt, die selbst über die Grenzen Berlins heraus bekannt ist.

Eine zweite Konstante ist die Gloria Noctem, eine Kabale weit älter als die heutigen Bewohner des Freien Berlins, die den Fürsten der anderen Nächte des Jahres stellt und somit über die Stadt herrscht - oder das für sich in Anspruch nimmt. In welchem Ausmaß genau sie in Abwesenheit des wahren Fürsten über die Stadt bestimmt, ob sie sein Stellvertreter oder gleichwertiger Partner ist oder seine jährliche Hofhaltung bloß aus Respekt vor dem Alter geschehen lässt, und welche Teile der Stadt ihnen zukommen, ist Gegenstand von Debatten und Gerüchten, besonders unter den heutigen Neonaten des Freien Berlins. Fest steht jedoch, dass die Kabale ihren Herrschaftsanspruch seit mindestens dem 18. Jahrhundert aufrecht erhält, wahrscheinlich jedoch weit länger.

Ein ähnliches Alter wie die Angehörigen der Gloria Noctem erreichen in und um Berlin derzeit vermutlich nur die sagenumwobenen Mitglieder einer angeblichen "Kabale aus dem Wald". Über den Spreewald verteilt sollen, verborgen vor den Blicken der Stadt, naturverbundene und heidnische Vampire existieren, die dort uralte Götter anbeten und ihren längst nicht mehr menschlichen Interessen frönen. Wer, wie viele und was sie dort tun, liegen genauso im Dunkeln wie ob es sie überhaupt gibt. Sicher ist nur, dass wenige, die diese Wälder betreten, noch einmal gesehen werden.

Auch die großen Häuser Berlins sind schon länger aktiv, als ihre heutigen Mitglieder zurückblicken können: das Haus Chrysos aus Clan Daeva, das Haus Cernunnos aus Clan Gangrel, das Haus Caligo aus Clan Mekhet, das Haus Korinth aus Clan Nosferatu und das Haus Pylos aus Clan Ventrue. Obwohl gelegentlich Einzelne eine Verwandtschaft behaupten oder vermuten, ist auffällig, dass keines dieser Häuser offiziell der Linie des Krals entspringt.

Modernisierung

Viele der ältesten Personen und Institutionen des Freien Berlins haben ihren Ursprung in der Zeit der Industrialisierung. Die Vox Tenebris, eine Kabale gläubiger Anverwandter, die sich als Auserwählte Gottes verstehen, entstand durch das Wirken des Wanderpredigers Gideon aus dem Hause Caligo im 19. Jahrhundert und war seitdem durchgängig mehr oder weniger zahlreich in der Stadt vertreten. Der Schlangenzirkel, eine andere Kabale aus Gläubigen, die sich stärker von Naturreligionen und magischen Praktiken angezogen fühlten, fand sich ebenfalls im 19. Jahrhundert zusammen und gewann schnell an Macht und Einfluss. Hierbei mag die wohl größte Veränderung dieser Zeiten in der Stadt eine Rolle gespielt haben: die Teilung in das Sperrgebiet der Gloria Noctem und das Freie Berlin.

Diese war das Ergebnis der Bemühungen einer Generation von Neonaten, die zwischen den festen Fugen einer jahrhundertealten feudalen Machtstruktur keine Zukunft in einer sich rasant verändernden Welt und keinen Raum für den eigenen Aufstieg mehr sah. Das noch heute geltende Abkommen mit der Gloria Noctem lautet, dass die alte Kabale weiterhin über die Stadt herrscht, den politischen Alltag jedoch und die Verwaltungsaufgaben - sowie den reibungslosen Ablauf der Kralszeremonie - an die Jüngeren abtritt. Für die Erfüllung dieser Aufgaben überlässt sie einen großzügigen Teil der Stadt als Lehen: die Gebiete des Freien Berlins.

Zu den Unterzeichnenden dieses Vertrags, der noch heute das Gesicht und das Geschehen der Stadt bestimmt, gehören die Daeva Charlotte aus dem Hause Chrysos und der Mekhet Alembert aus dem Hause Caligo, die damit ihre früheren Kabalen (die Gloria Noctem und die Vox Tenebris) verließen, um den Ersten Magistrat zu begründen, die erste politische Kabale des "neuen" Berlins und noch in den heutigen Nächten diejenige, die im Auftrag der Gloria Noctem die Gebiete verwaltet. Die zentrale Parallele zu den Entwicklungen der menschlichen Gesellschaft war der Übergang von Herrschaft durch Abstammung und geerbtem Land zur Herrschaft durch Reichtum und gekauftem Land. Kapitalismus war die progressive Alternative zum Feudalismus, die Menschen unabhängig von Abstammung erlauben sollte, sich zu beweisen und eigenen Besitz zu haben. Dieser Gedanke prägt bis heute das Freie Berlin.

Auch die Vox Tenebris und der Schlangenzirkel fühlten sich zu den neuen Strukturen hingezogen. Während erstere Schwierigkeiten hatte sich als moralischer Anker der jungen Unternehmer zu etablieren, gelang es letzterem sich durch das Abhalten der Kralszeremonie einen festen Platz in der Stadt zu sichern: die Kralspacht, eine Sammlung von Revieren im Südosten der Stadt, die noch heute existiert und den Kralshütern vorbehalten ist, wenn auch inzwischen mit anderen Grenzen.

Zwischen den Kriegen

In dieser Konstellation kam Bewegung in das nächtliche Berlin, es konnte wachsen und gedeihen, beflügelt von neuen Möglichkeiten und politischen Strömungen, die unter den Menschen gerade en vogue waren. Auch der Weltkrieg konnte den Aufschwung kaum bremsen, im Gegenteil, die darauf folgenden Jahre gehören für einige zu den rauschendsten ihres Requiems.

Doch in dieser goldenen Zeit zeichneten sich auch Konflikte ab. Zwischen den Kriegen schwang sich der Schlangezirkel zur dominanten Kabale im Freien Berlin auf. Mit dem schlafenden Fürsten stand den Schlangen ein kaum aufzuwiegendes Machtinstrument zur Verfügung, doch strahlte er auch durch seine kultische Struktur und dunkle Blutmagie eine Faszination auf viele junge Anverwandte aus. Gerüchte gingen um, dass sie Einfluss auf den Kral ausübten, dass sie die jährlichen Opfer gezielt unter ihren Feinden auswählten, dass sie die Faschisten zu ihren Zwecken instrumentalisierten. Andere Stimmen behaupteten, diese Gerüchte seien gezielt vom Ersten Magistrat gestreut, der sich in seiner Position als erste Kabale des Freien Berlins bedroht fühlte. Die Vox Tenebris hielt sich dabei im Hintergrund und vermied es sich aktiv einzumischen.

In dieser Atmosphäre heizte sich die Stimmung, parallel zum Berlin des Tages, immer weiter auf, bis es schließlich im Verlauf des Krieges zu einer Entladung kommen musste. Die genauen Geschehnisse sind heute schwer rekonstruierbar, doch festzustehen scheint, dass zum Ende des Krieges hin eine Kralserweckung scheiterte und eine entsetzliche "Lange Kralsnacht" verursachte, in deren Lauf die Anführer des Zirkels dem Hunger des Fürsten zum Opfer fielen.

Wiederaufbau

Diejenigen, die diese von Krieg und Kral geprägte Zeit überstanden, kamen umso stärker aus den Trümmern hervor und arbeiteten umso härter an der gemeinsamen Vision. Der Erste Magistrat gedieh, nicht zuletzt durch eine starke Verbindung zu den Alliierten, die zugleich der Gloria Noctem eindringlich demonstrierte, dass die Jungen über Fähigkeiten verfügen, die den Alten schwer fallen - wie mit fremdsprachigen Besatzungsmächten zu handeln.

Auch die Vox Tenebris erstarkte und gewann neue Mitglieder unter den in ihren Grundfesten und ihrem Glauben erschütterten Anverwandten der Stadt. In leiser und unaufdringlicher Weise spendete sie Trost und Sinn und entwickelte ihre zentrale Austauschform, die Gesprächsrunde, zur Blüte.

Allein, was nach seinem Fehltritt vom Schlangenzirkel übrig war, wurde vernichtet oder aus der Stadt gejagt.

Im kalten Krieg und geteilten Deutschland kamen auch immer wieder Fremde aus anderen Städten und Ländern in die Stadt. Es gab viele Agenten in Berlin und es gab Grenzen, die überschritten werden mussten. Dadurch entwickelte sich eine Art Netzwerk, das Kontakte mit Gästen verwaltete und Personen an der Mauer vorbeischleusen konnte. Manche unterstellten eine Verbindung zur Vox Tenebris, andere zum Ersten Magistrat, wieder andere sprachen von einer geheimen eigenen Kabale.

Tatsächlich entstanden einige neue Kabalen in dieser Zeit, keine von ihnen konnte sich jedoch bis heute halten, und durch seine starke Verbindung zur Gloria Noctem und seine Fähigkeit verschiedene Geisteshaltungen unter einen Hut zu bringen, entwickelte sich der Erste Magistrat unbeirrt zur stärksten Gruppierung des Freien Berlins. Als nach dem Mauerfall die Stadt bei Tag vereinigt wurde, strebte der Magistrat auch ein geeintes Freies Berlin an und konnte die einflussreichsten Ostberliner Anverwandten überzeugen sich ihm anzuschließen.

Wähend dieser Jahre zog sich die Gloria Noctem fast vollständig aus den Geschehnissen des Freien Berlins zurück. Hatte man vor dem Krieg noch Angehörige der Herrschaftskabale auf Versammlungen oder Zeremonien angetroffen, so verschwanden sie nun zunehmend von der Bildfläche - und damit auch aus den Köpfen der nachrückenden Anverwandten. Dies beflügelte die Entwicklung unterschiedlicher Interpretationen des Herrschaft-Verwaltungs-Verhältnisses. Konservative Anverwandte sehen noch heute den Ersten Magistrat als Verwalter "in Gnade der Gloria", als Dienstleister, dessen Befugnisse jederzeit durch das Wort des Fürsten - der absolute Macht hat - verändert oder aufgehoben werden können. Besonders unter den jüngeren Eignern verbreitete sich nun jedoch auch eine selbstbewusstere Sichtweise, die sich mehr mit einer parlamentarischen Monarchie vergleichen lässt: der "Fürst" der Gloria ist ein symbolischer Titel ohne echte Macht und das Freie Berlin sein eigener Souverän.

Was in dieser Zeit aus dem Kral wurde, ist heute nur wenigen vollständig bekannt. Natürlich hat die jährliche Zeremonie stattgefunden, doch hinter verschlossenen Türen und ohne Beteiligung der Domäne. In dieser Zeit gab es viele Gerüchte darüber, wer eingeladen war oder nicht, wie die notwendigen Opfer beschafft wurden, wer die Nächte abhielt und in welchem Rahmen.

Die Blüte Berlins

Erst in den 1990ern war die Kralsnacht wieder ein öffentliches Thema, als sich gleich mehrere Anverwandte für die verantwortungsvolle Aufgabe der Erweckungszeremonie interessierten. Die durch die Ventrue Anahita aus dem Hause Pylos und die Mekhet Ratri aus dem Hause Caligo gegründete Kabale der Zorien ließ schließlich das Kralsritual erstmals wieder öffentlich stattfinden und sicherte sich damit den Anspruch auf die Kralspacht, die unter neuer Grenzziehung (mit der Schlafstätte des Krals in ihrem Herzen) wieder eingerichtet wurde.

Das Konzept des Equilibriums festigte sich in dieser Zeit des Aufschwungs, in der die Vox Tenebris langsam wieder stiller wurde und der Erste Magistrat sein größtes Selbstbewusstsein erreichte, nachdem er mit seinem souveränen Durchsetzen der Wiedervereinigung bewiesen hatte, das perfekte Herrschaftsmodell etabliert zu haben. Der gelebte Traum aller Carthianer auf der Welt.

Mit der Embassy, einer Kabale, die mit Unterstützung des Ersten Magistrats und vor allem seiner Direktorin Charlotte Anfang des Jahrtausends gegründet wurde, gelang ihm ein weiterer Erfolg. Der amerikanische Gangrel Sweetwater wurde ihr Anführer und übernahm die Aufgabe Gäste von außerhalb Berlins zu empfangen und zu betreuen. Leise Unterstellungen, dass die Gründung Ausdruck von Charlottes Eitelkeit gewesen sei, in der sie der Welt Berlins Leistungen zeigen wollte, taten ihrem Erfolg keinen Abbruch. Berlin wurde zum Hotspot für Vampire aus dem Ausland.

Es war ein Ort geworden, der sich tolerant für alle Lebensmodelle zeigte. Carthianer und Invictus, Sanktum und Zirkel, alle in Koexistenz, mit klaren Aufgaben. Noch dazu konnte jede Gruppe von Anverwandten eine eigene Kabale gründen, was auch ungewöhnliche Gruppierungen wie die im Rahmen der Embassy größer werdende englischsprachige Gemeinde anzog.

Für viele eingesessene Anverwandte ist diese Zeit in gewisser Weise immer noch der Status Quo - Berlin, wie es war, ist und sein sollte.

Ungleichgewicht

Dieses von einigen Anverwandten nahezu kultisch verehrte Gleichgewicht der Kabalen wurde im Jahr 2017 empfindlich ins Wanken gebracht, als der Embassy ihre erste offizielle Ausgründung gelang: Die Weisen des Lichts. Obwohl sie alle Bedingungen erfüllte als vollwertige Kabale anerkannt zu werden, war von Anfang an spürbar, dass es ihren verschwiegenen Mitgliedern schwer gemacht wurde Fuß in der Stadt zu fassen. Als im Sommer ein Maskeradebruch in ihrem Revier bekannt wurde und Vampirjäger in die Stadt kamen, wurden sie ohne Prozess zu den Schuldigen erklärt und in der Folge durch den Sheriff Melchior aus dem Hause Chrysos vernichtet.

Die Domäne nahm dieses ungewöhnliche Vorgehen hin, da zum Ende des Jahres hin die Jäger tatsächlich aus der Stadt verschwanden. Nur die Mekhet Xanthippe, die familiäre Bindungen zu der Kabale hatte, focht das Vorgehen an und unterstellte dem Magistrat die Weisen des Lichts zu den Sündenbocken eines anderen Verbrechens gemacht zu haben. Später zog sie ihre Vorwürfe vor Gericht zurück und gestand die Schuld der Maskeradebrecher ein. Ihr wurde Gnade gewährt und sie der Schwesternschaft der Zorien für ein Jahr und eine Nacht als Mündel übergeben.

In derselben Nacht stand auch Nero aus dem Hause Chrysos vor Gericht und im Zuge der Verhandlung kam es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit Melchior, bei dem Charlotte als Neros Erzeugerin sich in einer unbequemen Position zwischen den Fronten wiederfand. Es folgten unruhige Nächte, in denen sich der Erste Magistrat zunehmend durch Streitereien innerhalb der Daeva-Familie Chrysos, seines stärksten Hauses, zersetzte. Auch die Schwesternschaft der Zorien geriet über den folgenden Sommer mit Melchior in Konflikt.

Nächte des Chaos'

Die Maskerade blieb durch weitere Vorkommnisse instabil und inmitten all der Unruhe eskalierten die Streitigkeiten ausgerechnet zum Erweckungsritual, was zu einer erneuten "Langen Kralsnacht" führte. Der Sheriff war in der Folge in Alpträume gehüllt und außer Gefecht und in den folgenden Nächten fraß sich der Fürst durch seine Stadt. Zahlreiche Anverwandte fielen ihm zum Opfer, darunter der Diplomat Sweetwater und der Tenebron Judas Corvinius. Auch Zorya Anahita verschwand in dieser Zeit offenbar.

Erst als Berlin drohte komplett vom Kral verschlungen zu werden, sammelten sich die Anverwandten, um ihn mit gemeinsamen Kräften wieder schlafen zu legen. Die dabei gewirkte Magie unterschied sich vom üblichen Ablauf der Kralsnacht und gab Anlass für Gemunkel, dass die Schwesternschaft dazu Hilfe von außerhalb der Stadt hatte.

Obwohl die Situation wieder unter Kontrolle gebracht werden konnte, hatte sie endgültig den Unwillen der Gloria Noctem geweckt, die sich nun erstmals seit langer Zeit regte. Kurz nach der Zeremonie wurde Direktorin Charlotte "einberufen" und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Damit zerbrach die hundertjährige Herrschaft des Hauses Chrysos über das Freie Berlin. Das Equilibrium war endgültig außer Kraft gesetzt.

Die geteilte Stadt

Der Erste Magistrat blieb nicht lange führungslos, doch der neue Direktor, der Nosferatu Moloch aus dem Hause Korinth, sah sich großen Herausforderungen gegenüber in einem aus den Fugen geratenen Equilibrium. Die Vox Tenebris, ihres prominentesten Mitglieds beraubt, gewann und verlor in rascher Folge Zugehörige. Die Schwesternschaft der Zorien entwickelte sich trotz des andauernden Fortbleibens ihre Schwester Anahita plötzlich zu einer gefürchteten und mächtigen Gruppe. Die Maskerade stabilisierte sich, wurde jedoch immer wieder erschüttert und vom nunmehr vor allem aus Neonaten bestehenden Freien Berlin ungeübt gefestigt. Die Gloria Noctem wurde zunehmend unzufriedener mit den Ereignissen in der Stadt.

Nachdem auch noch ein durch die Kabale gesandter Ghul verschwand, demonstrierte sie eindringlich, dass sie das Freie Berlin beobachtet und in der Lage ist ihm empfindlich zu schaden. Das Blut der reichsten Reviere wurde auf mysteriöse Art knapp und Fürst Aaron beanspruchte das Gebiet der vorherigen Direktorin Charlotte, Mitte, für sich. Wie bereits den gesamten Westen erklärte er es zum Sperrgebiet, dessen Betreten mit der Vernichtung geahndet würde.

In diese Atmosphäre drängte sich ein neu in die Stadt gekommener Nosferatu namens Valya, der, als Gast der Embassy, schnell begann eine Art Kult aus jungen Vampiren um sich zu scharen, die von ihren Erschaffern in Berlin oder dem Umland zurückgelassen wurden. Ob es zu dieser Zeit ungewöhnlich viele solcher Kinder gab oder ob diese sonst einfach ihre ersten Nächte nicht überleben, ist nicht abschließend geklärt. Fest steht jedoch, dass er ihnen Schutz und Weisung gab, und so etwas wie eine Familie, und dass sie ihm nach nur wenigen Monaten in beunruhigend großer Zahl folgten.

Das Misstrauen des Freien Berlins gegenüber dem Fremden fand seine Bestätigung, als Valya sich als Nestor zu erkennen gab, ein abtrünniger Ahn der Gloria Noctem und der Malkavia erlegener Patriarch des Hauses Pylos, Erzeuger und Mörder von Zorya Anahita. Er fiel noch in der Nacht seiner Enthüllung einem Feuer zum Opfer, nach dem sich die meisten seiner Anhänger in alle Winde zerstreuten. Die Konflikte mit der Gloria Noctem beruhigten sich in der Folge ein wenig, obwohl Aaron nach wie vor in Mitte residiert und das Gebiet verschlossen hält.

Ein neues Equilibrium

Es bleibt unklar, was Nestors Ziele waren, so er welche hatte, und ob er sie erreicht hat. Kurz nach seiner Vernichtung brach die Pandemie über die Stadt herein und in der ohnehin gereizten Stimmung heizten sich die schwelenden Konflikte weiter auf.

Der Erste Magistrat versuchte wieder stärker die Verantwortung für die Stadt zu übernehmen und geriet darüber mit der Schwesternschaft der Zorien aneinander. Die Vox Tenebris, selbst mit dem Wegfall ihrer alten Mitglieder und der internen Neuaufstellung beschäftigt, befand sich dazwischen. Alte Abkommen wurden in Frage gestellt, da all diejenigen, die sie verhandelt hatten, der Stadt nun fehlten.

Erneut eskalierten die Ereignisse in der Kralsnacht, die diesmal jedoch trotz offenen Streits zwischen den Parteien erfolgreich zu Ende gebracht wurde. Dennoch machten die Ereignisse den Anwesenden eindrücklich klar, wie fragil das Freie Berlin ohne sein Equilibrium ist.

Erst eine lange vorbereitete Eignerversammlung im April 2021 konnte das Gleichgewicht vorläufig wieder herstellen, brachte jedoch weitere Umwälzungen mit sich. Die Embassy wurde formell aufgelöst, die von ihr beanspruchten Gebiete gingen zum Teil an den Ersten Magistrat, zum Teil an die Zorien, die sich damit die gesamte Kralspacht sowie mehrere Reviere außerhalb sicherte. Allein die Vox Tenebris, obwohl an den Verhandlungen beteiligt, beanspruchte keines der frei werdenden Reviere für sich. Die Aufgaben der Kabalen wurden enger beschrieben und Formalien des gemeinsamen Requiems diskutiert.

In der Folge dieser Ereignisse versucht die Stadt sich neu zu sortieren. Welche noch unsichtbaren Ereignisse beginnen bereits Form anzunehmen? Welche noch ungefestigten Allianzen werden sich finden? Welche noch unbekannten Gesichter werden bald eine Rolle spielen?